Wie wichtig eine Rehabilitation bei Long Covid ist

Eine Krankenschwester erzählt von ihrem Leidensweg nach einer Corona-Infektion

„Sie hätten mich vor fünf Wochen sehen müssen“, sagt Miriam S. „Ich war ein Schatten meiner selbst. Ich war vollkommen fertig. Sowohl physisch als auch psychisch.“ Die Krankenschwester Miriam hatte sich im Januar mit dem Covid-Virus auf Station angesteckt. Ein Patient wurde im Nachhinein „positiv“ getestet. Und obwohl alle Mitarbeiter die ganze Zeit über nur FFP2-Masken trugen, hatten sich Miriam und vier weitere Kollegen angesteckt. 


An ihrem freien Wochenende fingen die Symptome an. Die 40-Jährige bekam so unangenehme Kopf- und Ohrenschmerzen, die sie noch nie zuvor gehabt hatte. Zusätzlich fiel ihr das Atmen schwer. „Mir war sofort klar, dass ich mich mit Corona angesteckt hatte.“ Auch ihren Mann und ihre beiden sieben- und zehnjährigen Töchter steckte Miriam an. Doch während die drei die Infektion recht gut überstanden, begann für Miriam eine Zeit, die sie nie wieder erleben möchte.

Vier Wochen musste sie in Quarantäne. Ihr Arzt nannte sie eine Bilderbuchpatientin. Sie hatte alle Symptome, selbst die seltensten. Geruchsverlust, Geschmacksverlust, Durchfall, Erschöpfungssyndrom, Lungenentzündung und noch vieles mehr. Ihr Ruhepuls betrug 140, was auf eine Herzmuskelentzündung deutete. „Das Luftholen fühlte sich an, als ob sie Glasscherben einatmen würde. Ich habe nur noch auf der Couch geschlafen, weil ich gar nicht mehr die Treppen ins Schlafzimmer hochkam.“


Doch auch als sie endlich negativ getestet wurde, waren die Beschwerden nicht vorbei. Sie ging zum Kardiologen, zum Pneumologen. Doch mehr als Cortison-Notfallsprays, die mehr Nebenwirkungen zeigten als Hilfe, bekam sie nicht. Dabei ging es Miriam extrem schlecht. „Ich hatte überhaupt keine Antriebskraft mehr. War nur noch müde. Und, was mir heute furchtbar wehtut, ich war zu meinen kleinen Töchtern ungerecht, weil mich alles einfach nur noch anstrengte.“ Die Ärzte meinten, sie sei depressiv, empfahlen Antidepressiva, die sie aber ablehnte. Miriam hatte immer mehr den Eindruck, dass sie nicht ernst genommen wurde. „Letztendlich dachte ich schon, dass ich mir das alles nur einbilde“, sagt sie und muss schlucken, als die Erinnerung wieder hochkommt.


Ende April wollte Miriam unbedingt wieder arbeiten und lehnte eine erneute Krankschreibung ab. „Ich dachte, wenn ich wieder zur Arbeit gehen kann, dass ich dann den Alltag wieder besser bewältigen könnte.“ Doch nach zwei Tagen wurde sie wieder heimgeschickt. „Ich war kaum belastbar. Aber das schlimmste war, dass ich keine Hoffnung auf Besserung sah.“

Für Dr. med. Bernhard Kügelgen, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Physikalische und Rehabilitative Medizin, sind diese Schilderungen nicht ungewöhnlich. „Das sind ganz typische Symptome eines Post-Covid bzw. Long-Covid-Syndroms.“ Dieses Syndrom tritt nach einer Infektion mit dem Corona-Virus auf. Jeder kann daran erkranken, egal wie schwer der Verlauf der Erkrankung war. Von Long Covid spricht man, wenn die Symptome der Erkrankung länger als vier Wochen anhalten, von Post Covid, wenn die Beschwerden auch nach drei Monaten noch andauern.

„Es handelt sich dabei um eine Funktionsstörung, die jedoch noch nicht erklärbar ist“, erklärt Dr. Kügelgen. Die meisten Patienten leiden unter dem Fatigue Syndrom, einer chronischen Müdigkeit. „Vielen Patienten kommen damit überhaupt nicht klar und wirken völlig wesensfremd.“ Zudem leiden sie unter Luftnot und sind ständig beschäftigt über ihr Atmen nachzudenken. Dies führt auch dazu, dass die Mobilität eingeschränkt ist. Gehen oder Treppensteigen wird zu einem Hindernis. Kognitive Störungen werden in der Merkfähigkeit sichtbar. Der Patient kann sich nicht konzentrieren, er kann keinem Film mehr folgen oder vergisst, was er gerade gelesen hat. Außerdem manifestieren sich häufig Probleme der Krankheitsverarbeitung, die sich durch selbstquälerische Fragen äußert. Wieso hat es mich getroffen? Eine Frage, die ständig im Kopf herumkreist.

Helfen kann in solchen Fällen eine Rehabilitationsmaßnahme. Über die Berufsgenossenschaft hat Miriam den Kontakt zu Dr. Kügelgen bekommen, der ambulante Rehamaßnahmen für Post-/Long-Covid Patienten anbietet, und einen Termin für ein Erstgespräch vereinbart. „Wenn ich ehrlich bin, bin ich mit keinen großen Erwartungen nach Koblenz gefahren. Umso glücklicher war ich, als ich mit Dr. Kügelgen sprach. Er war der erste, der mich verstanden hatte, der mir sagte, dass ich keine Antidepressiva brauchen werde und mir versprochen hat, dass mein Alltag wieder leichter wird. Und er hat sein Versprechen gehalten“, sagt Miriam mit einem Leuchten in den Augen.


Die Rehamaßnahme dauert zwischen fünf und sechs Wochen. Die Behandlungseinheiten beginnen um 9 Uhr und enden um 16.30 Uhr. „Wir werden das Post-/Long-Covid-Syndrom nicht komplett heilen können“, stellt der Neurologe klar. „Aber wir werden eine Verhaltensänderung erlernen können, wodurch das Leben mit Post-/Long-Covid wieder mit Freude stattfinden kann.“

Dazu gehört insbesondere die Stabilisierung des Nervensystems, indem folgende Maßnahmen erlernt und regelmäßig umgesetzt werden: Erholsamer Schlaf, Wechselduschen, Bewegung, keine Nutzung von Schmerzmitteln, Lösung chronischer Konflikte im sozialen Umfeld. 


Im Oktober hatte Miriam einen Platz für die ambulante Reha im Therapie-Zentrum Koblenz bekommen. Die Therapie beinhaltet viele verschiedene Bausteine. „Besonders gut hat mir das Erlernen einer richtigen Atemtechnik geholfen“, sagt Miriam. „Früher hatte ich immer Krämpfe vom Zwerchfell, weil ich mir eine Art Schonatmung angewöhnt hatte.“ In der Physiotherapie baute sie ihre Muskeln wieder auf, um sich wieder kraftvoll bewegen zu können. Sie traute sich endlich wieder, sich aufzurichten. Ihre kleinen Töchter waren ganz begeistert und fragten sie: „Mama, bist du gewachsen?


„Meine Merkfähigkeit hat sich enorm verbessert. Logisches Denken funktioniert sehr gut. An der Konzentration muss ich noch arbeiten. Komplexen Filmen kann ich zum Beispiel noch nicht folgen, aber anderen schon. Und ich merke, wie es immer besser wird.“ Die Kopfschmerzen sind weg, auch durchschlafen ist wieder möglich. Jetzt heißt es auch langsam wieder, Kontakte zu pflegen. „Ich hatte mich sehr zurückgezogen. Zum Glück hatte ich Freunde, die sehr hartnäckig waren. Damals war ich wütend auf sie, weil ich einfach meine Ruhe haben wollte. Heute bin ich dankbar, dass sie so ausdauernd waren.“

Fünf Wochen Rehabilitation haben aus Miriam einen neuen Menschen gemacht. „Im Oktober hätte ich nie gedacht, dass ich noch in diesem Jahr wieder arbeiten darf, darauf freue ich mich riesig.“ Die Beschäftigung erfolgt im Rahmen einer Eingliederung. Miriam wird langsam wieder an die Arbeit herangeführt an vier Tagen in der Woche. An einem Tag in der Woche geht es wieder ins Therapie-Zentrum Koblenz, um sie individuell zu unterstützen, wo es nötig ist.


Text: Petra Dettmer

Foto: Therapiezentrum Koblenz

Interview mit Miriam S. (externer Link)