Schleudertrauma

Überblick

Für das Schleudertrauma gibt es eine Fülle von weiteren Bezeichnungen. Am weitesten verbreitet sind Beschleunigungstrauma und in den letzten Jahren Halswirbelsäulen- (HWS-) Distorsion, früher Peitschenschlag-Verletzung.

Eine Distorsion ist eigentlich eine Verstauchung eines Gelenkes, wie man sie kennt, wenn man z. B. auf einen Tennisball tritt.


Gemeint ist aber folgende Situation: Nach einem Auffahrunfall kommt es bei einigen Betroffenen zu erheblichen Nacken- und Hinterkopfschmerzen, verbunden mit dem Gefühl der Kraftlosigkeit („ich kann den Kopf nicht mehr richtig halten“) und der Unfähigkeit, den Kopf frei zu bewegen („jede Bewegung tut weh“).
Diese Schmerzen können in die Schultern und sogar in die Arme ausstrahlen. Zu diesem Zeitpunkt wird auch eine schmerzhafte Einschränkung der Halsbeweglichkeit festgestellt. Die Halsmuskulatur ist geschwollen und beim Betasten vermehrt druckschmerzhaft. Bei etwa zwei Drittel aller Fälle treten diese Veränderungen erst nach einigen Stunden auf (Latenz). Bei dem übrigen Drittel machen sich diese Symptome sofort nach dem Unfall bemerkbar. Bis heute hat es zwar alle möglichen Erklärungsversuche gegeben, die aber alle nicht überzeugt haben.


Distorsion oder Muskelfunktionsstörung?

Beim Schleudertrauma fallen zwei Phänomene auf und müssen Nachdenklichkeit erzeugen: Im Formel 1-Rennsport mit Extrembelastungen für Piloten gibt es schwere Unfälle mit tödlichem Verlauf, aber keine Verletzungen im Sinne eines Schleudertraumas. Offensichtlich muss die betroffene Struktur trainierbar sein. Zum zweiten: Von einer Distorsion im Sinne einer Verstauchung ist nicht bekannt, dass sie stundenlang überhaupt keine Auswirkungen hat und es dann relativ plötzlich zu erheblichen Schmerzen kommt. Aber: So etwas ist in ähnlicher Weise vom Muskelkater her bekannt.


Beide Phänomene, Trainierbarkeit und Latenz bis zu den ersten Beschwerden, weisen also auf die Muskulatur als betroffene Struktur hin. Nun handelt es sich beim Schleudertrauma aber nicht um Muskelkater. Dieser Verdacht auf die Muskulatur als betroffenes Organ lässt sich tatsächlich aufklären und damit erhärten: Bei einem Pkw-Zusammenstoß wird ein Impuls zunächst auf das Fahrzeug und dann auf den Sitz der Insassen übertragen. Wie Messungen ergeben haben, kommt es 60 Millisekunden (ms) später zu einer reflektorischen Anspannung der gesamten Halsmuskulatur. Weitere 30 ms nach dem Aufprall kommt es zu einer Bewegung des Kopfes. Ist der Anprall hinten, pendelt der Kopf nach hinten, fährt man selbst auf, ist der Anprall vorne und der Kopf pendelt nach vorne. Bei einem Seitenaufprall pendelt der Kopf entsprechend zu der jeweiligen Seite. Dabei wird die angespannte Halsmuskulatur noch etwas gedehnt. Aus der Sportphysiologie ist bekannt, dass eine solche angespannte Muskulatur nach einer auch nur leichten Dehnung bei unzureichend trainierten Personen eine Stoffwechselaktivierung auslöst, die einige Stunden später zu einer Schwellung, zu Schmerzen und zu einer muskulären Insuffizienz führt. D.h. die betroffenen Muskeln können ihre Funktion nicht mehr richtig ausführen, was der Betroffene als Kraftlosigkeit registriert. Auch kann man solche Muskeln schlecht dehnen, das löst sofort Schmerzen aus. Dieses Phänomen tritt häufig auf, ist harmlos und klingt gewöhnlich in einigen Tagen bis wenigen Wochen ab. Voraussetzung für eine solche Entwicklung ist aber ein angemessener Umgang mit diesem Phänomen.


Chronifizierung

Weltweit wird die Quote von derartig Verletzten, die einen längeren Krankheitsverlauf nimmt, auf 5-10 % geschätzt. Die Gründe hierfür sind: unangemessenes, nicht zielführendes Frühmanagement sowie Schwierigkeiten, den Unfall angemessen zu verarbeiten und mit den bestehenden Beschwerden angemessen umzugehen.

Therapie

Die Behandlungselemente sind multimodal, d. h. beziehen alle Bereiche mit ein, in denen Störungen oder Defizite bestehen


Die Behandlung besteht aus:

  • umfassender Information des Patienten
  • Korrektur des Selbstkonzeptes
  • nicht betäubender Schmerztherapie
  • umfassender somatischer Therapie


Frühmanagement

Treten Beschwerden sofort nach dem Unfall auf, muss immer eine strukturelle Verletzung (z. B. ein Wirbelbruch) ausgeschlossen werden. Erst danach kann man von einer Funktionsstörung der Muskulatur ausgehen. Bei den Fällen mit Latenz kann man von einer solchen Muskelfunktionsstörung sofort ausgehen. Nicht Wärme, sondern Kälte ist angebracht. Wärme ist oft angenehm, aktiviert aber den Stoffwechsel. Einfache Schmerzmittel (z. B. Paracetamol) sind hilfreich, am wichtigsten ist aber weitere Bewegung, damit die Muskulatur nicht in wenigen Tagen an Leistung und Kraft, vor allem aber an Ausdauer und Koordination verliert. Insbesondere die früher weit verbreitete Halskrause, die bis zu einigen Wochen getragen wurde, löst verheerende Veränderungen an der Muskulatur aus. Die dann auftretenden Schmerzen sind Zeichen einer muskulären Insuffizienz.


So unangenehm und beschwerlich die Auswirkungen einer Muskelfunktionsstörung bei einem Schleudertrauma auch sind, es handelt sich um Funktionsstörungen, die ihrer Natur nach vollständig rückbildungsfähig sind.


Weitere Informationen

Das Problem mit der Halskrause - Erfahren Sie mehr über das Schleudertrauma in unseren Artikeln.

Patienteninformation

Die Patienteninformation „Schleudertrauma" richtet sich an Patienten, die unter Folgen eines Schleudertrauma leiden.


Patienteninformation (PDF)



Experten-Konsensus

Von zehn Experten aller beteiligten Fachgebiete wird zum Schleudertrauma dieser Konsensus vorgelegt. Dabei wird auf die Punkte Diagnostik, Differenzialdiagnose, Konzepte, Pathosphysiologie, Behandlung und Begutachtung eingegangen. Neben der Pathophysiologie, was eigentlich bei einem Schleudertrauma geschieht, ist das Frühmanagement Schwerpunkthema dieses Konsensus. Diesem kommt für die weitere Entwicklung des Falles eine entscheidende Rolle zu.


Experten-Konsensus (PDF)



Publikation zum Schleudertrauma

Im Literaturband „Lose Blattsammlung – Aktuelle Schmerztherapie“ des ecomed-Verlags erschien im Mai 2011 ein umfangreicher Beitrag zum Thema „Schleudertrauma“ vom Therapie-Zentrum Koblenz® und MVZ Koblenz®. Der Autor, Dr. Bernhard Kügelgen fasst in einem ausführlichen wissenschaftlichen Beitrag Diagnose und Behandlung dieses umstrittenen Krankheitsbildes zusammen. Der Literaturbeitrag umfasst 42 Seiten und richtet sich vorrangig an medizinisch-therapeutisches Personal. Er kann hier heruntergeladen werden:


Das Schleudertrauma - ein lösbares Problem


Literatur:

Kügelgen, B. (2011). Das Schleudertrauma - ein lösbares Problem. In: Kress, H. G. (Hrsg), Aktuelle Schmerztherapie - Standards und Entwicklungen. ecomed Medizin, Landsberg.