Rückenschmerzen

Chronische Rückenschmerzen

Chronische Rückenschmerzen sind eine Plage unserer Zeit. Immer mehr Menschen leiden unter diesen Schmerzen. Doch wie können chronische Rückenschmerzen erfolgreich behandelt werden?

Dr. med. Bernhard Kügelgen, Gründungsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft chronischer Kreuzschmerz (BAcK), und Diplom-Psychologe Martin Kügelgen erläutern Faktoren einer erfolgreichen Behandlung chronischer Rückenschmerzen.

Häufigkeit

In allen zivilisierten Ländern ist der chronische Rückenschmerz ein weit verbreitetes gesundheitliches und damit auch ein wirtschaftliches Problem. Obwohl immer neue Behandlungsmethoden propagiert werden, hat die Zahl an Rückenschmerz-Patienten nach einer Untersuchung der Betriebskrankenkassen in den letzten 10 Jahren in Deutschland um 15 % zugenommen! Chronische Rückenschmerzen sind der häufigste Anlass für eine Rehabilitation, und dennoch zugleich immer noch der häufigste Anlass für eine Frühberentung.

Ursachen & Entstehung

Wie kommt es zu chronischen Rückenschmerzen?

Bis auf wenige Ausnahmen (frische Wirbelbrüche, Tumoren, chronische Entzündungen) spielen die Veränderungen der Wirbelsäule eine nachgeordnete Rolle. Dies gilt auch für alle sogenannten Verschleißerscheinungen (degenerative Veränderungen). Wenn diese die Ursache für Rückenschmerzen wären, müssten alle Menschen mit zunehmendem Alter immer mehr Rückenschmerzen bekommen. Das Gegenteil ist aber der Fall: Wer sich im Alter fit hält, hat weniger Rückenschmerzen. Nach der Altersverteilung ist der chronische Rückenschmerz eine Erkrankung des mittleren Lebensalters. Durch ihre Bewegungsarmut leiden heute schon 15 % der Schüler an chronischen Rückenschmerzen, obwohl sie eine noch sehr junge Wirbelsäule haben. Degenerative Prozesse an der Wirbelsäule haben allein genommen keinen Krankheitswert.  Sie besitzen allenfalls eine vage Korrelation zu Schmerzen und Krankheit. In den häufigsten Fällen ist einer der Hauptursachen eine insuffiziente Muskulatur, insbesondere im Rücken- aber auch im Bauchbereich.

Thema Bandscheibe

Veränderungen an den Bandscheiben zählen zu den degenerativen Veränderungen und werden immer wieder als Ursache von Rückenschmerzen angegeben. Dies kann ausnahmsweise einmal der Fall sein, insbesondere wenn ein Bandscheibenvorfall auf einen Nerv drückt, dann schmerzt aber vor allem der Nerv. Ansonsten wird die Bedeutung der Bandscheibenveränderungen weit überschätzt. Mit 65 Jahren haben über 90 % der Menschen meist mehrere Bandscheibenvorwölbungen bzw. -vorfälle, ohne dass sie etwas davon wissen.


In der internationalen wissenschaftlichen Literatur herrscht Einigkeit darüber, dass zu viele Bandscheiben operiert werden. So sagt beispielsweise der Vorsitzende der deutschen Sektion des World Institute of Pain, Martin Marianowicz aus München, in einem Interview mit der WELT, dass 80 % aller in Deutschland durchgeführten Bandscheibenoperationen „medizinisch überflüssig“ sind.

Wann sind und wodurch werden Rücken-beschwerden chronisch?

Hier gibt es zunächst einmal klare zeitliche Vorgaben: bis zu vier Wochen sind Rückenbeschwerden akut, bis zwölf Wochen subakut und ab der zwölften Woche spricht man von chronischen Rückenbeschwerden. Diese rein zeitliche Zuordnung ist aber für die Definition des chronischen Rückenschmerzes wenig aussagekräftig! Neben dem zunehmenden Verlust der körperlichen Fitness kommen auch psychologische Faktoren wie Zweifel, Angst vor der Zukunft, Verstimmung und schließlich auch der soziale Rückzug hinzu.

Nach einem halben Jahr Arbeitsunfähigkeit besteht für einen chronischen Rückenschmerz-Patienten noch eine Wahrscheinlichkeit von 50 %, wieder in das Erwerbsleben zurückzukehren. Daher sehen die Leitlinien am Beginn der Chronifizierung, also etwa nach drei Monaten, einen deutlichen Wechsel in der Behandlung solcher Patienten vor. Für diese Patienten sind wesentlich intensivere Maßnahmen im Sinne rehabilitativer Behandlungen anzuwenden, deren Intensität sich nicht nach dem Rückenschmerz, sondern nach den psychosozialen Risikofaktoren richtet.

Es ist ein schwerwiegender (und teurer) Fehler in der Behandlung dieser Kranken, dass ihnen zu diesem Zeitpunkt in der Regel der Zugang zur Rehabilitation noch verwehrt wird und sie auf Heilmittel ‒ z. B. ein bis zwei Rezepte für Physiotherapie ‒ verwiesen werden, die noch dazu durch verschiedene Vorschriften eng begrenzt sind. Therapeutische Maßnahmen sind in der Rehabilitation ungemein effektiver und effizienter, da sie nicht alleine auf ein Organ ausgerichtet sind.

Behandlung

Primäres Therapieziel bei chronischen Erkrankungen

Seit 1985 haben sich Verständnis und Management von chronischen Rückenschmerzen aufgrund der Arbeiten von Tom Mayor (Dallas/USA) verändert. Seitdem steht als Therapieziel nicht mehr die Schmerzfreiheit, sondern die funktionelle Wiederherstellung im Fokus rehabilitativer Maßnahmen chronischer Rückenerkrankungen. Dies hat sich in vielen Leitlinien niedergeschlagen. Der Schmerz steht nun nicht mehr im Alltagsmittelpunkt. Im Verlauf der Therapien nimmt der Schmerz erfahrungsgemäß ab oder verschwindet gänzlich. Ebenso bestätigen auch unsere Patienten immer wieder das für sie wichtigste Therapieziel: Sie möchten das, was sie von sich selbst erwarten, was ihre nächste Umgebung von ihnen erwartet und was ihnen Freude macht, so verrichten können wie vor ihrer Krankheit. Dieses Therapieziel ist von Patient zu Patient unterschiedlich und verlangt eine individuell ausgerichtete Rehabilitation.



Schmerzmittel / Betäubung?

Grundsätzlich sind leichte betäubende Maßnahmen beim akuten Rückenschmerz hilfreich. Einfache Schmerzmittel wie zum Beispiel Paracetamol reichen aus, welches bei Bedarf ruhig in den ersten Tagen etwas höher dosiert werden kann. In den letzten Jahren hat es eine ganze Reihe von Untersuchungen gegeben, die zeigen, dass selbst starke Schmerzmittel nach 2-3 Monaten ihre Wirkung verlieren, die Nebenwirkungen aber bleiben.


Warum möglichst ohne Schmerzmittel?

  • Schmerzmittel verschleiern für Patient und Arzt die Befunde, die Patienten übernehmen sich
  • Der Arzt kann die Behandlung kaum anhand von Befunden steuern.
  • Die Körperwahrnehmung des Patienten und die Entwicklung von Eigenkompetenz werden durch Betäubung verhindert.
  • Bei der Belastungssteigerung unter Schmerzmittel besteht ein beträchtliches Verletzungsrisiko.
  • Eine Verbesserung der Koordination ist unter Schmerzmittel sehr viel schwieriger zu erreichen.

Allgemein gilt: Schmerzmittel sind langfristig keine Lösung. Alternative Mittel zur medikamentösen Schmerzbekämpfung bieten z. B. physikalische Maßnahmen und die psychologische Schmerztherapie.

Krafttraining

Das isolierte Training von Muskeln ist ein wichtiger Baustein – reicht alleine jedoch nicht aus. Letztendlich geht es jedoch in unserem Alltag stets um komplexe Bewegungen. Wie beim Klavierspielen ist die Bedienung unseres Körpers mehr als nur isoliertes Tastendrücken.


Ein Grundmaß an Kraft ist selbstverständlich wichtig. Kraft alleine kommt aber eher eine geringe Bedeutung zu, denn sonst müssten Frauen deutlich häufiger betroffen sein als Männer, die über mehr Kraft verfügen. Man sollte beim sogenannten Krafttraining stets weiter differenzieren.


Wichtiger als das Training der Maximal-Kraft sind die Kraft-Ausdauer und Muskel-Koordination. Ein Kraft-Ausdauer-Training basiert auf dem Training der Muskulatur mithilfe reduzierter Gewichte über einen längeren Zeitraum hinweg. Unter Muskel-Koordination versteht man das harmonische Zusammenspiel mehrerer Muskelgruppen. Durch diese wird erst vorhandene Muskelkraft effektiv eingesetzt. Bewegungen laufen sichtlich weicher, eleganter und weniger angestrengt ab. Das Koordinations-Training fördern wir in speziellen Behandlungsmodulen, in denen komplexe Bewegungsabläufe gefordert sind.

Wie behandelt man konkret chronische Rückenbeschwerden?

Chronische Rückenschmerzen sollten aufgrund der biopsychosozialen Komplexität in Form einer multimodal ausgerichteten Schmerztherapie behandelt werden. Die meisten etablierten Therapien enden leider immer noch bei einer oder zwei der drei Säulen Körper, Geist, Umfeld. Dies umfasst eine Fülle von physiotherapeutischen und ergotherapeutischen Maßnahmen, bei denen ein arbeitsplatzspezifisches Training enthalten sein sollte. Weiterhin sind Patientenschulung und psychologische Schmerztherapie sehr wichtig, welche die Eigenkompetenz des Patienten fördern. Unter Eigenkompetenz verstehen wir das Wissen und die Fähigkeit des Patienten, Schmerzen eigenständig beeinflussen zu können. Dann ist die Schmerztherapie nachhaltig und erfolgreich. Die Einbindung des sozialen Umfeldes darf nicht vernachlässigt werden – Partner, Familie und Arbeitgeber sollten stets bei der Therapie berücksichtigt werden.

Rahmen und Ablauf der Rehabilitation

im Therapie-Zentrum Koblenz®

Das Koblenzer Rücken-Intensiv-Programm (KRIP) wurde von Dr. Bernhard Kügelgen und Cecilija Kügelgen entwickelt und basiert auf dem GRIP-Konzept aus Göttingen. Dieses bundesweit sehr bekannte und wissenschaftlich sehr gut untersuchte Programm fußt auf den europäischen Leitlinien. Die Auswertung unserer Ergebnisse der Behandlung chronischer Rückenschmerzen bestätigt die hohe Qualität dieses Konzeptes. 90 % aller Patienten mit chronischen Rückenschmerzen konnten erfolgreich wieder eingliedert werden!


Die erste Etappe in der Rehabilitation bestehen zunächst in der Behebung von Funktionsstörungen. Die Therapien sind dementsprechend auf dieses Teilziel ausgerichtet. Ist dies erreicht, kann im Anschluss die Belastbarkeit und das Leistungsvermögen gesteigert werden. Patientenschulung, Entspannung und psychologische sowie physikalische Schmerztherapie ergänzen das breite Spektrum an Therapien. Ein wesentliches Therapieziel besteht darin, dass Patienten einen Überschuss an der geforderten Leistungsfähigkeit erreichen. Nur dann können sie die angestrebte Leistung im Alltag sicher erbringen. Schmerzen können dabei stark reduziert oder sogar gänzlich beseitigt werden.


Nach der Reha kann eine ambulante Weiterbetreuung ein wichtiger Faktor für nachhaltige Effekte darstellen. Patienten können im kooperierenden MVZ Koblenz® ambulant Rat und Hilfe einholen, um z. B. Übungen für Ihr Heimprogramm anzupassen. Auch ärztliche Nachuntersuchungen sichern langfristige Therapieerfolge und können vor unerwünschten Rückfällen vorbeugen.

Infos zum Artikel

Kügelgen, B. & Kügelgen, M. (2013). Chronische Rückenschmerzen. In: Watterich Verlag GmbH (Hrsg.),
TOP GesundheitsForum Mittelrhein, 10. JahrgangAusgabe 18, S. 38-41.


Der Artikel auf dieser Seite wurde im Juli 2013 veröffentlicht. Sie finden diesen auch als PDF zum Download/Druck:  Direktlink zum Artikel (PDF)



Literaturempfehlung

Als weiterführende Literatur empfehlen wir Ihnen:

Bundesarbeitsgemeinschaft für chronischen Kreuzschmerz (2003), Ergebnisorientiertes Rückenmanagement.